Geht der Sommer, schwitzt der Kürschner

- Kürschnermeister Jörg Tschuncky
Für Umarbeitungen beginnt nun die heiße Phase - Christ-Kunden winken Gutscheine
Bei der Arbeit Kürschnermeister Jörg Tschuncky betreibt seit 14 Jahren seine Werkstatt und das Geschäft am Hüttenberg 15.
Neunkirchen (nig). Bei Jörg Tschuncky - in bester Hanglage in der unteren Hälfte der Hüttenbergstraße - hängen Frauenträume im Schaufenster, die förmlich gestreichelt werden wollen. Der in der Mitte ist tiefschwarz, schimmert silbern-seidig und kostet ein kleines Vermögen: ein überaus elegantes Nerzmantel-Modell aus "Blackglama". Daneben hängt ein wuschelweiches, laut dem Kürschnermeister gerade voll im Trend liegendes cognacfarbenes Merino-Velour-Teil aus dem Hause Christ. Tschunckys "Stammlieferant" wirbt damit, anerkannter Maßen "die leichtesten Lammpelze der Welt" im Programm zu haben. Zum Beweis holt der Geschäftsinhaber eine Christ-Damenjacke vom Kleiderbügel, knüllt sie in den Händen wie ein Baumwolltuch und lässt lächelnd schätzen, was das Teil wohl wiegt.
Viel kann es nicht sein. Des Rätsels Lösung: ganze 1100 Gramm - vor zehn, 20 Jahren ein Ding der Unmöglichkeit. Doch beim Verarbeiten der Tierfelle, vor allem was das Gerben betrifft, hat sich seitdem einiges getan.
Mit gutem Beispiel voran geht da die Firma Christ - mit garantiert PCB (Polychlorierte Biphenyle)-freien Produkten und dem Verzicht auf die unter Krebsverdacht stehenden AZO-Farben. Just in diesem Jahr feiert die Traditionsfirma ihren 50. Geburtstag. Statt selbst beschenkt zu werden, tut sie ihren und damit auch Tschunckys Kunden etwas Gutes: "Beim Kauf einer Christ-Lammfelljacke gibt es einen Gutschein für eine kostenlose Reinigung, einzulösen in den nächsten fünf Jahren." Immerhin mit einem Wert, je nach Größe und Länge des Kleidungsstücks, von bis zu 90 Euro. Auf ein Jubiläum steuert auch der Neunkircher Kürschner zu: "Im August nächsten Jahres besteht mein Geschäft und die Werkstatt seit 15 Jahren." Und der Ein-Mann-Betrieb floriert. Gerade jetzt, wo es auf die kalte Jahreszeit zugeht, hat Tschuncky keine freie Minute mehr: "Schon in der größten Hitze habe ich viel zu tun gehabt. Aber sobald es kalt wird, bricht hier das Chaos aus." Wer also seine Pelz- oder Lederjacke vor ihrem Einsatz noch mal auf Vordermann bringen lassen möchte, sollte sich sputen.
"Ich führe nicht nur fertige Pelze, sondern kann auch mit Maßanfertigungen dienen." Mittels Vorab-Modell in Stoff vermittelt Tschuncky dem Kunden beziehungsweise (und das in den meisten Fällen) der Kundin einen Vorabeindruck. "Manchmal fertige ich auch Stoffmodelle mit zwei verschiedenen Teilen an, so dass man die Wahl hat, was besser gefällt."
Natürlich nimmt sich der stellvertretende Landesinnungsmeister genügend Zeit für Beratung. "Es gab schon Gespräche, die haben zweieinhalb Stunden gedauert." Wobei es nicht nur maßgeschneiderte Modelle sind, die gewünscht werden. Mancher erbt einen alten Pelz und möchte den umarbeiten lassen.
Manchmal wird daraus eine Nerzweste, manchmal ein Persianermantel - wie sie Jörg Tschuncky gerade in Arbeit hat. Auffällig viele junge Leute kommen in letzter Zeit zu ihm: "Die finden das toll, Pelz zu tragen."
Quelle: Bericht vom 18.09.03, Saarbrücker Zeitung, Foto: Hiegel
Viele Pelze haben Spannendes erlebt"
Jörg Tschuncky ist Kürschnermeister - "SZ"-Serie "Handwerker im Kreis", Teil eins
Flinke Finger Jörg Tschuncky braucht in seiner Werkstatt geschickte Hände - hier für einen Fuchspelz.
Neunkirchen (jen). In den vergangenen ein, zwei Jahren sind sie durch verschiedene Kleidungs-Stile wie Ethno- und Trapper-Look wieder zu einem Mode-Thema geworden: Pelze. Nachdem die kuscheligen Felle eine Zeit lang politisch korrekt von den Laufstegen verschwunden und in Kleiderschränken eingemottet waren, haben sie nun die Designer wieder entdeckt. Auf den Straßen sieht man wieder häufiger Damen mit Pelzen.
Das freut natürlich die Kürschner: "Die Kunden - oder Kundinnen, vorzugsweise ist die Kundschaft weiblich, die hier zur Tür reinkommt - haben sich entschieden", erklärt Jörg Tschuncky, am Hüttenberg in Neunkirchen ansässiger Kürschnermeister und stellvertretender Landesinnungsmeister, selbstbewusst. In der dritten Generation gibt es das Pelzhaus und die Kürschnerwerkstatt. Wer es aus Tierschutz- oder sonstigen Gründen nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könne, Pelz zu tragen, dem sei es unbenommen, eine Stoffjacke zu kaufen.
Der traditionsreiche Handwerksberuf des Kürschners (der Name stammt übrigens vom mittelhochdeutschen "cuire", das wiederum vom französischen "cuir", was "Haut" bedeutet) ist - so sollte man meinen - recht selten geworden; immerhin ist "Pelz-Tragen" nicht nur eine Gewissens-, sondern auch eine Geldfrage. Letzteres kann der Kürschner aber begründen: Schließlich könne man einen guten Pelz Jahrzehnte tragen, und wenn er modisch nicht mehr auf der Höhe sei, ihn leicht umarbeiten. Zudem: So selten sind die Kürschner gar nicht, zwölf gibt es allein im Saarland, gemessen an der Einwohnerzahl seien das relativ viele. Und sie haben recht viel zu tun, heißt es. Felle und Pelze zu Mänteln, Jacken, Capes, Mützen, Stolen und Muffs verarbeiten, im Idealfall nach eigenen Entwürfen, das ist die Hauptaufgabe des Kürschners. Dazu kommen Änderungsarbeiten.
Der Kürschner muss genau die Felle der Tiere kennen, muss zum Beispiel wissen, wie man die kleinen, schmalen Nerzfelle so zuschneidet und vernäht, dass daraus ein federleichter, schimmernder Mantel wird oder dass das schwarz gelockte Fell eines Persianerschafes einen ganz anderen Effekt erzielt. Kein Fell und kein Leder ist wie das andere. Den Naturprodukten ihre Individualität und Besonderheiten lassen, sie so verarbeiten, dass die feine Zeichnung im fertigen Kleidungsstück noch erkennbar ist, das erfordert Feingefühl und Liebe zum Material. So arbeitet man an einem besonders edlen Stück schon mal zwei bis drei Wochen, vom Entwurf und Schnittmuster über die Auswahl und den Zuschnitt der Felle bis hin zum Nähen mit der Pelznähmaschine oder manchmal von Hand.
"Natürlich gibt es bei Pelzen Moden und Trends, wo man auf dem Laufenden bleiben muss", meint Tschuncky. Wie bei der Haute Couture gibt es spezielle Fachmessen und Modenschauen für Pelzmode. Mode, Models und Designer, Zulieferer und mögliche Kunden - wer mit der Zeit gehen will, und einen größeren Kundenkreis erreichen will, muss sich auf diesem Parkett bewegen können, nicht nur daheim in der Werkstatt.
Zwischen Kürschnermesser und Nähmaschine, Fellen, Futterstoffen und Schnittmustern aus Packpapier muss man deshalb auch Sinn für modische Schnitte und Details haben, denn ein anderer Kragen zum Beispiel macht manchmal aus einem älteren Stück einen topmodischen Mantel. Gespür für das, was ein Kunde will, was zu ihm passt - auch die Kundenbetreuung ist eine Kunst für sich. Immerhin investiert so mancher (oder manche) hier ein kleines Vermögen. "Da muss man sich Zeit nehmen und zuhören, außerdem hängt an vielen Pelzen, gerade, wenn es schon ältere Stücke sind, die umgearbeitet werden sollen, eine Geschichte, bei der es oft spannend ist, zuzuhören", meint Tschuncky. Daneben muss der Kürschner, wenn er denn selbstständig und nicht nur als Pelznäher in einem größeren Unternehmen angestellt ist, rechnen und organisieren können: Das reicht von der Bestellung der Felle und Pelze bei Händlern von Norwegen bis Australien bis hin zur Angebotskalkulation für Kunden. Der Sturm, der den Pier in Brighton abreist, kann eine Ladung, die per Schiff kommt, genauso gefährden wie die anhaltende Dürre in Nigeria, die dazu führt, dass die Persianer-Schafe kein Futter mehr finden. Was fasziniert an diesem Beruf? "Die Liebe zum Material natürlich", gibt Tschuncky zu, "aber auch die Möglichkeiten der Bearbeitung, die Kreativität, die gefordert ist." (Wird fortgesetzt)
Quelle: Bericht vom 19.03.03, Saarbrücker Zeitung, Foto: Hiegel